" Die Könige machen Krieg, und das Proletariat blutet und stirbt.
Magnaten machen einen großen Fischzug, und das Proletariat opfert seinen letzten Cent und verhungert.
Immer das Proletariat! Und immer und nochmals das Proletariat!
Verflucht nochmal Prolet, was bist du doch für ein Esel!
Prolet, du hast vortreffliche Lehrmeister."
B. Traven, aus seinem Buch "Die weiße Rose" (Blanca Rosa)
Der amerikanische Einkäuferkönig Mr. A. Fantl erzählt darüber.
Seit einigen Jahren hat sich in Amerika unter den Geschäftsleuten eine Bewegung entwickelt, die
man als "Rotary" bezeichnet hat. Darunter wird eine Vereinigung von Unternehmern verstanden,
die sich die Versittlichung des wirtschaftlichen Lebens zur Aufgabe gesetzt hat. Alfred Frantl, der
Präsident der Alfred Fantl Company Inc., den man vielfach als den amerikanischen Einkaufskönig
bezeichnet, sprach die Hoffnung aus, als er vor einiger Zeit in Berlin weilte, daß die Rotary –
Bewegung auch in Europa festen Fuß fassen möge.
"Sie vereinigt in sich die einwandfreisten und bedeutendsten Männer aus jedem Berufs – und
Erwerbstand, die, ähnlich wie die Freimaurer, in einer innerlichen Verbindung unter sich in der
ganzen Welt stehen werden und so strengen Anforderungen an Wahrheit und Ehrenhaftigkeit zu genügen
haben, daß der geringste Verstoß ihren Ausschluß zur Folge hat. Auf diesem Wege soll besonders
auch die Ehrlichkeit im Geschäftsleben und die Geschäftstreue gefördert werden, und zwar
bis zu dem Grade, daß über den Geschäftsmann, den ein Rotary – Mitglied als ehrenhaft und
leitungsfähig bezeichnet, keine Zweifel mehr aufkommen können. Das geschäftliche
Mißtrauen, daß in Europa und besonders in Deutschland noch vorherrscht, soll auf diesem
Wege beseitigt werden" (Nach einem Interview, das Frantl einem Mitarbeiter der Industrie – und
Handelszeitung gab.)
Nach diesen Ausführungen wird man ohne weiteres anerkennen, daß wir nur Vorteile davon haben
können, wenn die Bewegung auch Deutschland in ihrer vollen Stärke erfassen würde.
Was Frantl aber nicht gesagt hat, und weshalb wir hier insbesondere auf das Rotary – Ideal eingehen,
ist, daß die Vereinigung sich namentlich die Vereinigung des Verhältnisses zwischen
Arbeitgeber und Arbeitnehmer zur Aufgabe gemacht hat. Dieses Ziel ist so ungeheuer wichtig, daß
wir im folgenden den ethischen Kodex der Rotary wiedergeben, wie er im Juli 1915 auf dem Kongreß
angenommen wurde.
Der Rotary Codex.
(Freie Übersetzung aus "The World Tomorrow", New York.)
"Meine Geschäftsprinzipien sollen für unser gemeinsames Menschentum einen Klang des
Mitempfindens in sich bergen. Bei meinen geschäftlichen Bestrebungen, Verbindungen, überhaupt
der gesamten geschäftlichen Tätigkeit werde ich stets meine höchsten Pflichten als Glied
der Gesellschaft wahren. In jeder geschäftlichen Lage und bei jeder Verantwortung, die an mich
herantritt, wird es mein Hauptgedanke sein, diese Verantwortung so zu erfüllen und diese Pflicht
so zu erledigen, daß ich jeweils dadurch den Standpunkt der menschlichen Ideale und Realitäten
eine Stufe höher gehoben habe.
Meine Pflicht als Rotarier ist es:
1. Von meinem Beruf, der mir besondere Gelegenheit bietet, der Gesellschaft zu dienen, eine hohe
Meinung zu haben;
2. mich zu vervollkommnen, meine Kräfte zu steigern und meine Dienstleistungen zu
erhöhen und dadurch meinen Glauben an die Grundsätze von Rotary zu bekräftigen,
daß der am meisten gewinnt, der am besten dient;
3. durch die Tat zu zeigen, daß ich Geschäftsmann bin und nach Erfolg strebe, daß ich
jedoch als ethisch eingestellter Mensch keinen Erfolg wünsche, der nicht auf höchster
Gerechtigkeit und Moral aufgebaut ist;
4. dafür zu sorgen, daß die Umschichtung meiner Ware, der Eintausch meiner Dienstleistung
und meiner Ideen rechtlich und ethisch nur unter der Vorausetzung erfolgt, daß alle meine Teilhaber
dabei ihren Vorteil finden;
5. meine beste Kraft anzuspornen, die Grundsätze meines Berufes zu fördern und meine
Angelegenheiten so zu erledigen, daß andere, die gleichfalls in meinem Beruf stehen, es für
zweckmäßig und gewinnbringend halten, meinem Beispiel freudig nachzueifern;
6. mein Unternehmen so zu führen, daß es die höchste Dienstleistung erzielt,
ebenwertig oder besser als mein Konkurrent, und im Zweifelsfalle die Dienstleistung über das
notwendige Maß von Schuldigkeit und Verpflichtung hinaus zu erhöhen;
7. die Einsicht zu haben, daß Freunde die größten Kapitalien eines Geschäfts –
und Fachmannes sind und jeder durch die Freundschaft gewonnene Vorteile im höchsten Maße
ethisch und gediegen ist;
8. darauf zu halten, daß treue Freunde von einander nichts fordern und jeder Mißbrauch
der Freundschaft eines Gewinnes wegen dem Geist von Rotary fremd und nicht mit seinem ethischen Kodex
in Einklang zu bringen ist;
9. keinen persönlichen Erfolg zu erstreben, der darauf basiert, aus gewissen Gelegenheiten
in der sozialen Ordnung unbilligen Vorteil zu ziehen, der anderen verboten ist, und ebenfalls auch aus
solchen Gelegenheiten nicht einen materiellen Erfolg zu machen, den andere infolge der damit
verbundenen fragwürdigen Moral nicht gezogen haben;
10. einem Bruder Rotarier nicht mehr verpflichtet zu sein als irgend einem anderen Mitglied der
menschlichen Gesellschaft, weil der große Gedanke von Rotary nicht in der Konkurrenz, sondern in der
Kooperation liegt. Provinzialismus kann niemals in einer Institution, wie sie der Rotary - Klub ist,
einen Platz haben, und Menschenrechte sind durchaus nicht auf Rotary – Klub beschränkt, sondern
sind tief und weit wie das Menschengeschlecht selber. Der Rotary – Klub ist gegründet, um alle
Menschen und alle Einrichtungen dazu zu erziehen;
11. endlich glauben wir daran, daß die goldenen Regel: Alles, was die Menschen dir tun
sollen, das tue auch ihnen , Allgemeingültigkeit hat und sind der Ansicht, daß die
Gesellschaft am besten zusammenhält, wenn allen Menschen zu den natürtlichen Hilfsquellen
dieser Erde der gleiche Zugang gegeben ist.
Ziele und Organisation der Rotary – Klubs.
Als Organisation und Bewegung ist Rotary jung.
Um eine endgültige und bis ins einzelne gehende Anschauungen über die Beziehungen zwischen
Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu entwickeln, ist die Bewegung zu jung. Die Entwickelung einer
gemeinsamen Ideenwelt und einer gefestigten Ansicht über derartige Fragen ist durch die schnelle
Ausbreitung der Rotary – Bewegung zu einer Organisation von über 2000 Klubs in 30 verschiedenen
Ländern verlangsamt worden. Aber Rotary hat ein ganz besonderes Interesse an der Förderung
der Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer und zielt auf eine bessere Definition und auf
ein besseres Verständnis in allen Dingen hin, die größere Zufriedenheit auf beiden
Seiten schaffen können. Die Grundsätze, durch welche sich die Rotarier bei der Durchführung
ihrer Angelegenheiten leiten lassen, sind in dem wiedergeben ethischen Kodex niedergelegt.
Aufgabe der Rotarier ist es, diese Grundsätze in die tägliche Praxis zu übertragen. Sie
haben ein internationales Komitee für Geschäftsmethoden, das mit der Aufgabe betraut ist, die
Anwendung ihrer Grundsätze auf die Geschäftsführung zu überwachen. Jeder Klub hat sein
örtliches Komitee, das mit dem internationalen zusammenarbeitet. In Handel und Industrie werden
vier Fundamentalbeziehungen festgestellt;
1. die zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer,
2. die zu den Lieferanten,
3. die zwischen Konkurenten,
4. die zu den Kunden.
In den ersten dieser Beziehungen sind die stärksten Möglichkeiten aber auch die größten
Hindernisse für den Fortschritt enthalten; durch reine Theorien und Verallgemeinerungen läst sich
nichts erzielen. Darum besprechen die Rotary – Klubs praktische Fälle, sie behandeln
tatsächliche Anwendungen ihrer Grundsätze. Hinsichtlich der Betätigung der
Grundsätze bei den Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer wurde vom Komitee folgendes
festgelegt; Aufrichtiges Interesse seitens des Arbeitgebers ist das wirksamste bis jetzt gefundene
Mittel gegen Uneinigkeit und Unzufriedenheit zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Es muß in Betracht
gezogen werden, daß der Arbeitnehmer als menschliches Wesen ähnliche Ziele, Wünsche und Gefühle wie der
Arbeitgeber hat. Mangel an dieser Erkenntnis und an aufrichtigem Interesse läßt von vornherein jeden
Versuch zur Besserung scheitern. Wie oft hast du eine wirkliche Aussprache mit denen, die unter
deiner Aufsicht stehen, und wie oft jene, die dich vertreten, mit den ihnen Unterstellten? Unter
wirklicher Aussprache ist eine private Unterredung gemeint, bei der der Arbeitnehmer sich vollkommen
frei fühlt und Fragen über das Geschäft, seine Ziele und über das, wo er glaubt, zu
kurz zu kommen, über seine Beförderungsaussichten usw. stellen kann. Also Fragen, die der
Arbeitgeber oder sein Vertreter frei und ermutigend der Wahrheit gemäß beantworten wird. Wie
oft versammeln sich die Mitglieder deines Klubs, insbesondere zu Aussprachen zwischen Arbeitgebern und
Arbeitnehmern ?
Wir wollen uns nicht einmischen, aber es wäre uns interessant zu erfahren, welche Erfahrungen
gesammelt worden sind, um daraus lernen zu können. - Aus den Antworten, die das internationale
Komitee gerade über diese Fragen, die die Verbesserung der Beziehungen zwischen Arbeitgebern und
Arbeitnehmern im Auge haben, von einzelnen Arbeitgebern erhielt, sind folgende Punkte zusammengestellt,
die nachstehend wiedergegeben sind:
33 Rotary – Gedanken für Arbeitgeber.
1. Erkläre den Angestellten die Aufgaben deines Geschäftes.
2. Erwecke in den Arbeitnehmern Vertrauen und Glauben zum Arbeitgeber. Daß er tatsächlich
die goldenen Regeln durchzuführen sucht.
3. Wie die Hände der Arbeitnehmer, so müssen auch die Herzen beschäftigt sein,
wenn ein Geschäft Erfolg haben soll.
4. In das Schema, das der Arbeitgeber zur Lösung des Problems Arbeitnehmer – Arbeitgeber
aufgestellt hat, soll er sich selbst einsetzen ( du bekommst nur das heraus, was du von deinem eigenen
Selbst hineingibst )
5. Um eine bessere und freundlichere Beziehung zu den Arbeitern herzustellen, sollte der
Arbeitgeber selbst die Initiative ergreifen ( seine durchschnittliche Intelligenz, Erziehung und
Erfahrung ist größer als die des Arbeitnehmers, dessen Stellung ihn meistens daran hindert,
Initiativen zu ergreifen ).
6. Vermeide Protektionswirtschaft und alles, was danach riecht.
7. Betrachte die Arbeit nicht als ein Mittel, sondern als Verbindungsglied in einer Kette
menschlicher Wesen, die das Geschäft erst möglich machen.
8. Übersieh den Menschen nicht, bleib der Tatsache eingedenk, daß ein Mensch Mensch ist,
ob er Chef oder Gehilfe ist.
9. Ein wesentlicher Punkt ist die Zugänglichkeit des Arbeitnehmers.
10. Beispiel dominiert in der Wirkung über Gewalt, ein guter Führer holt aus einem
Menschen mehr heraus als ein Treiber.
11. Erwecke in dem Arbeitern das Gefühl, daß er ein Teil des Geschäfts ist und
ermutige ihn zu Verbesserungsvorschlägen.
12. Zur Verbesserung der Beziehungen ist gleichmäßige Gerechtigkeit notwendig.
13. Soziale Organisationen, sportliche Verbände und Klubs älterer Arbeitern bieten
eine gute Möglichkeit zur Verbesserung der sozialen Atmosphäre. Derartige Organisationen
sollten selbsterhaltend sein.
14. Der Arbeitgeber sollte sich für das tägliche Leben und die Erholung der Arbeitnehmer
interessieren.
15. Vorteilhaft ist die Anknüpfung enger Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer.
Ratsam ist vertrauter Verkehr, Kenntnis des häuslichen Lebens, Beistand im Unglück, wenn es
irgend möglich ist.
16. Ein Rotarier fand es angebracht, seine Angestellten beim Vornamen zu rufen, und sie reden
ihn in gleicher Weise an.
17. Es ist erforderlich, daß die Freundlichkeit aufrichtig ist, denn die Arbeiter
durchschauen Unaufrichtigkeit und Verstellung schnell.
18. Die Pflege persönlicher Beziehungen mit den Angestellten muß empfohlen werden,
doch muß dabei die Stellung als Arbeitgeber im Auge behalten werden.
19. Wecke den Geist guten Willens, denn Männer und Frauen brauchen Rat, Beistand und
Führung in ihrem Denken über ihre Arbeit und auch in häuslichen Angelegenheiten.
20. Wesentlich sind Anstand und Freimütigkeit.
21. Veranstaltete Zusammenkünfte von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, Angestellten und
Abteilungsleitern. Monatlich lasse gemeinsame Mahlzeiten für Abteilungschefs und Verkäufer
abhalten, wobei offen über die Lage des Geschäfts gesprochen werden soll.
22. Aufklärende Wirkung durch Haus – und Lokalzeitungen ist wertvoll.
23. Um größte Harmonie bei der Arbeit zu erzielen, muß eine entsprechende
Gruppierung und Verteilung der Angestellten vorgenommen werden.
24. Stelle einen Beförderungsplan für Angestellte auf. Sie müssen wissen, daß
er vorhanden ist und danach gehandelt wird, wenn sie die erforderlichen Geschicklichkeit entfalten. Ein
derartiges Bewußtsein ist bei den Angestellten geeignet, die Ruhelosigkeit zu bannen und die
Neigung die Arbeit zu wechseln, einzudämmen.
25. Gewissenhafte sollten einer dauernden Anstellung sicher sein.
26. In deinen Forderungen sei vernünftig. Für Verhalten und Arbeit stelle bestimmte
Regeln auf und achte darauf, daß sie befolgt werden.
28. Tagesberichte sind zur Aufklärung und Erziehung der Angestellten von Wert.
29. Erziehe deine Angestellten dadurch, daß du die Funktion jeder Abteilung und jedes
Arbeitsvorganges von der Produktion bis zum Verkauf genau festlegst.
30. Leiste derartige Erziehungsarbeit in der Arbeitszeit. Finden Zusammenkünfte nicht
während der Arbeitszeit statt, haben die Angestellten Abneigung dagegen.
31. Sorge für gute Arbeitsbedingungen und mache den Arbeitsplatz behaglich.
32. Fehler, die sich in der Leitung oder bei der Arbeit einschleichen, dürfen nicht
übersehen werden, denn sie haben unvorteilhafte Resultate im Gefolge.
33. Ein Rotarier berichtete, daß er seinen Angestellten das Kassabuch zugänglich
macht und sie beim Einkauf befragt.
16 Rotary – Regeln für Entlohnung und Beförderung.
Auch hierfür hat das Komitee einen Fragebogen hinausgesandt und folgende Antworten zusammengetragen:
1. Setze die Entlohnung während der Krankheitszeit fort.
2. Ein Prämienplan erweitert die Geschäftskenntnis der Angestellten, spornt sie an zu
besseren Leistungen.
3. Denke an den Lohnzettel! Vermeide es, zu billige Arbeit anzunehmen. Vergüte die Arbeit
im Verhältnis zur Leistung. Erhöhe den Lohn bei Verdienst. Höher schätzt der
Arbeiter die Erhöhung seines Einkommens ein, die ihm freiwillig gewährt wird, als solche, die
er erbitten oder die er erkämpfen muß.
4. Sorge für vernünftige Lohnsätze.
5. Fördere Sparklubs.
6. Gib den Angestellten Aktien.
7. Gewinnanteil und Teilung des Überschusses wirft höhere Dividenden ab als jede
andere Methode.
8. Finde für jeden Mann den rechten Platz.
9. Gib Beförderungsgelegenheiten bekannt.
10. Ermutige die Angestellten zu guten Dienstleistungen und lobe sie dafür aufrichtig.
11. Behalte die Angestellten so lange als möglich.
12. Gib dem Arbeiter in seiner Arbeit Sicherheit und halte ihm Sorgen fern.
13. Ein geschickter Angestellter besitzt eine gründliche Geschäftskenntnis. Ein
vorausblickender Unternehmer gibt solchen Angestellten Gelegenheit, vorhandene Fähigkeiten zu
entwickeln.
14. Individuelle Leistungen sind von größerer Wichtigkeit als lange Dienstzeiten,
wenn es sich um Beförderungen handelt.
15. Gib den Angestellten Gelegenheit, an der Leitung teilzunehmen.
16. Suche deine Leiter nicht außerhalb deines Unternehmens, wenn es nicht notwendig ist.
Gib die Gelegenheit jemandem innerhalb deines Betriebes.
Durch freie Aussprachen in den Klubs und einen freien Meinungsaustausch der Rotarier in der ganzen Welt
hoffen wir, zur ständigen Besserung der Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer beizutragen.
Gemeinplätze - "Frisch gestrichen"
Beim Lesen der Vorschläge und Regeln, die von dem internationalen Komitee der Rotarier aufgestellt
sind, wird der Leser sagen, daß es sich zum Teil um Gemeinplätze handelt, die wirklich nicht
so wichtig seien, als daß man sie aus dem Englischen ins Deutsche zu übertragern brauche.
Daß Gemeinplätze vorhanden sind, habe ich auch festgestellt.
Trotzdem stehen sie hier und sind nicht gestrichen.
Nur zu oft behaupten wir nämlich von einer Sache, daß sie ein Gemeinplatz sei. Aber wenn es
sich um eine notwendige und zweckmäßige Forderung handelt, dann kann so ein Gemeinplatz nicht
oft genug belegt werden. Eine notwendige Forderung muß so oft gestellt werden, bis die
Trommelfelle derer dröhnen, die alles am Ohr vorbeigehen lassen.
Gemeinplätze werden nur zu oft wie Bänke in den Parks behandelt, an denen ein Schild
hängt "Frisch gestrichen!" Und wenn das Schild 2 Wochen daran hängt, es setzt sich
niemand auf die Bank, weil er fürchtet, sie wäre immer noch frisch gestrichen.
Eine Angelegenheit, die als Gemeinplatz erklärt worden ist, kommt nur leicht in Vergessenheit und
wird weniger wichtig genommen. In vielen Fällen sind gerade oft erörterte Dinge außer
Kurs gesetzt worden, weil man sie durch Oberflächlichkeit in Verruf erklären ließ. Eine
gute Sache kann nicht oft genug gebracht werden, wenn sie häufig genug auf fruchtbaren Boden
fallen soll, um nicht ein Gemeinplatz zu werden im schlechten Sinne – in der Federsprache oder in der
Dialektik-, sondern in ihrer möglichst weitgehenden Realisierung.
Es spricht für die Rotary – Bewegung, daß sie ihr Programm nicht mit
Weltbeglückungsplänen in utopischer Fassung eröffnet, sondern mit kleinen Nahzielen, die
jeder erreichen kann, der den guten Willen hat, an einer besseren Welt und Weltordnung mitzuarbeiten.
Unser Dienen beginnt schon, wenn wir aufrichtig wollen!
Quelle: Paul Michligk, DIENEN UND VERDIENEN, Deutsche Experimente, Amerikanische Erfolge, Verlag
für Wirtschaft und Verkehr, Stuttgart 1927; Seite 107 - 118